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900 ExpertInnen bei 4. Wiener Essstörungsenquete
Internationale ExpertInnen warnen: Immer mehr Menschen hassen ihren Körper
Mittwoch, 28. Februar 2007
Bis zu zwei Prozent der Frauen zwischen 15 und 35 Jahren in Europa und Nordamerika leiden an
klinisch ausgeprägter Anorexie ("Magersucht"), bis zu 15 Prozent dieser Gruppe zeigen Symptome von
Vorstadien gefährlicher Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie ("Ess-Brechsucht"). Zunehmend häufig
wird auch die Binge-Eating-Disorder (BED - "Fresssucht") beobachtet. Während bei Anorexie und
Bulimie auf neun betroffene Frauen ein Mann kommt, liegt dieses Verhältnis bei der BED bei 1,5 zu
1. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen zur Entstehung, Prävention und Therapie von
Essstörungen standen auf der Agenda der "4. Wiener Essstörungsenquete" im Wiener Rathaus. Mit 900
TeilnehmerInnen ist die Tagung der größte deutschsprachige Kongress zu diesem aktuellen Thema.
Prof.
in Susie Orbach: Gefährlicher "Krieg gegen das Übergewicht" - Diäten sind
"Eintrittskarte" zu Essstörungen
Eine der prominentesten TagungsreferentInnen, Prof.
in Susie Orbach (London School of Economics), die unter anderem als
Essstörungs-Therapeutin von Lady Di international bekannt wurde, geht scharf mit gängigen
Schlankheitsidealen ins Gericht. "Der weltweit ausgerufene Krieg gegen das Übergewicht fordert
enorm viele Opfer. Immer mehr Menschen hassen ihren Körper", so die engagierte Psychotherapeutin.
Es sei verantwortungslos, dass öffentlich unterstütze Kampagnen und die medizinische Community den
Diät-Wahn auch noch förderten, sagt Prof.
in Orbach: "Diäten sind nicht nur völlig sinnlos, weil sie einschlägigen Untersuchungen
zufolge bei 97 Prozent der Abnehmwilligen zu neuerlichen Gewichtszunahmen und neuerlichen
frustrierenden Diät-Versuchen führen. Sie sind auch die Eintrittskarte zu Essstörungen
unterschiedlichster Art."
Wesentlich mit verantwortlich für die Unzufriedenheit vor allem vieler Frauen mit dem eigenen
Körper und der damit einher gehenden Gefährdung, ein problematisches Essverhalten zu entwickeln,
sind vor allem medial transportierte unrealistische Schönheitsideale, die extreme Schlankheit zum
Prinzip der Körperästhetik erheben. Wie sehr diese beeinflussen können, habe besonders
eindrucksvoll die so genannte Fidji-Studie gezeigt, betont Prof.
in Orbach. Auf der Pazifik-Insel konnte erst ab 1995 Fernsehen empfangen werden.
Innerhalb von drei Jahren danach, so zeigte eine Untersuchung von Prof.
in Anne Becker von der Harvard-Universität, entwickelten zwölf Prozent der
heranwachsenden Mädchen Symptome von Bulimie - einer bis dahin auf der Insel völlig unbekannten
Erkrankung. "Es gelingt uns tatsächlich, Unsicherheit über das eigene Erscheinungsbild und
Körperhass zu einem wesentlichen Exportartikel der westlichen Welt zu machen", kritisiert Prof.
in Orbach.
Mütter geben Essstörungen an Kinder weiter
"Mädchen und Frauen beschäftigen sich heute ein Leben lang mit der Frage, ob ihre Körpermaße den
Idealbilder entsprechen - von Fünfjährigen, die ihren Popidolen nacheifern, über junge Mütter bis
hin zu immer mehr älteren Frauen", beobachtet Prof.
in Orbach. Besondere Sorge bereitet ihr die Tatsache, dass problematisches Essverhalten
häufig von Müttern an ihre Kinder weitergegeben wird. "Ein Extrem ist hier sicher der zuletzt unter
Prominenten zu beobachtende Trend, in der 36. Schwangerschaftswoche einen selektiven Kaiserschnitt
einzuleiten, um weniger zuzunehmen und rascher wieder schlank zu werden", kritisiert Prof.
in Orbach. "Aber auch in weniger ausgeprägten Formen stört die ständige Beschäftigung
einer jungen Mutter mit ihrem Gewicht die Entwicklung eines natürlichen Ernährungsverhaltens beim
Nachwuchs, Kinder wachsen von Anfang an mit völlig verwirrten Konzepten von Appetit und dessen
Befriedigung heran."
Dr.
in Wardetzki: Angehörige zwischen Co-Abhängigkeit und Resignation
Schwierig in der Bewältigung sind Essstörungen nicht nur für die Betroffenen selbst, auch für
Angehörige stellen sie eine enorme Belastung dar. Wobei zunächst oft Verleugnung und Verheimlichung
dominante Elemente sind, weiß Dr.
in Bärbel Wardetzki, Psychotherapeutin in München, die sich intensiv mit Angehörigen von
Essstörungs-Erkrankten beschäftigt. "Bis die Angehörigen von der Krankheit erfahren, können Jahre
vergehen, in denen die Schwester oder Tochter ihre Eß-Brechanfälle oder ihre Essensverweigerung
geheim hält", weiß Dr.
in Wardetzki aus Erfahrung. Die mangelnde Information vieler Eltern über derartige
Erkrankungen sei nur eine Ursache für die späte Thematisierung des Problems in der Familie, so die
Expertin: "So wie die Süchtigen lange Zeit ihre Krankheit vor sich und den anderen verleugnen, tun
es auch die Angehörigen, wenn sie einen Verdacht hegen. Oft sind es Angst und Hilflosigkeit und der
Wunsch nach einer heilen Familie und Partnerschaft, die sie wegschauen lassen. Doch diese Haltung
verstärkt die Essstörung noch mehr."
Fatal in der Beziehung zwischen Betroffenen und Angehörigen sei auch das verbreitete Phänomen
der so genannten Co-Abhängigkeit, betont die Münchner Therapeutin: "Angehörige entwickeln dabei die
Tendenz, das eigene Tun von der erkrankten Person abhängig zu machen und sich nur noch auf die
Erkrankung zu konzentrieren. Eigene Wünsche und Bedürfnisse werden zurück gestellt. Diese
Hinwendung kann ihrerseits süchtigen Charakter annehmen, wenn die helfende Person nicht mehr
aufhören kann zu helfen und sich dem oder der Kranken so verbunden fühlt, dass sie nicht mehr
loslassen kann."
Prof.
in Beate Wimmer-Puchinger: Prävention muss auch positive Körperwahrnehmung stärken
Wie wichtig Präventions- und Aufklärungsinitiativen zu fatalen, unerreichbaren Körperidealen und
Essstörungen sind, unterstreicht auch die
Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Prof.
in Beate Wimmer-Puchinger anhand aktueller Erhebungen aus der Bundeshauptstadt. Für
geschätzte 2.000 Mädchen besteht in Wien akutes Anorexie- oder Bulimie-Risiko. Österreich weit
gehen ExpertInnen davon aus, dass 200.000 Frauen zumindest einmal in ihrem Leben an einer
Essstörung erkranken. Mit dramatischen Konsequenzen: Magersucht etwa hat mit 18 Prozent nach 20
Jahren die höchste Sterblichkeitsrate aller psychischen Erkrankungen, Anorektikerinnen zwischen 15
und 24 Jahren haben internationalen Daten zufolge ein zwölfmal höheres Mortalitätsrisiko als
gesunde Gleichaltrige .
Mit ein auslösender Faktor ist die enorm kritische Sichtweise des eigenen Körpers. 90 Prozent
der Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren und 80 Prozent der erwachsenen Frauen, so zeigten zwei Wiener
Untersuchungen, sind mit ihren Körperproportionen unzufrieden, 82 Prozent der Mädchen und Frauen
haben Angst davor, an Gewicht zuzulegen, berichtet Prof.
in Wimmer-Puchinger. Wobei solche Sorgen völlig unabhängig von der Realität sind: "52
Prozent der Mädchen haben schon einmal eine Diät gemacht, ohne tatsächlich übergewichtig zu sein",
so die Frauengesundheitsbeauftragte. In amerikanischen Studien sind es sogar 70 Prozent der
Schülerinnen. "15 Prozent der jungen Frauen gaben auch an, schon absichtlich erbrochen zu haben, um
ihr Gewicht zu verringern." Entsprechend häufig stehen bei Diäten nicht gesundheitliche
Überlegungen im Mittelpunkt, wie eine im Februar 2007 veröffentlichte Umfrage im Auftrag der Stadt
Wien gezeigt hat: 59 Prozent der befragten Frauen, die bereits mindestens eine Diäterfahrung
gemacht haben, gaben als Motiv an "um attraktiver zu sein", für 56 Prozent ging es darum, "das
Selbstwertgefühl zu steigern."
Ein wichtiger Ansatz in der Prävention der gefährlichen Erkrankung sei es daher, so Prof.
in Wimmer-Puchinger, vor allem bei jungen Frauen im Schulalter Risikofaktoren zu
minimieren und schützenden Faktoren zu stärken. Eine Studie der kanadischen Psychologin Prof.
in Niva Piran, University of Toronto, hat erst kürzlich gezeigt, dass systematische
Präventionsprogramme in Schulen, die nicht nur auf Informationsweitergabe setzen, sondern vor allem
auch auf eine Einstellungsänderung über Peer-Gruppen-Arbeit, besonders nachhaltigen Erfolg zeigen.
Wien seit Jahren aktiv
Dass die aktuelle internationale Tagung in der österreichischen Bundeshauptstadt stattfand, ist
kein Zufall. Wien ist in Sachen Prävention von Essstörungen seit 1998 aktiv und startete als erste
europäische Stadt im Rahmen des Frauengesundheitsprogramms eine umfassende Initiative zu diesem
Thema. Seit Jahren erfolgreich ist die kostenlose anonyme Hotline 0800 20 11 20 für Betroffene und
Angehörige, über die bereits mehr als 13.000 Personen persönlich beraten wurden. Darüber hinaus
wurde ein umfassendes Netzwerk mit Schulen aufgebaut, über das mehr als 20.000 SchülerInnen
erreicht und informiert werden konnten. Erst kürzlich wurde die Initiative "S-O-Ess" ins Leben
gerufen, eine gemeinsame Initiative von Politik, Mode und Werbung zur Förderung des
Verantwortungsbewusstseins in Sachen Schlankheitsvorbilder.
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